An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nurmehr: ich küßte es dereinst.
Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke dagewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind.
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.
(Bertolt Brecht, Augsburg, 10 February 1898 – 14 April 1956)
Upon that day in the clear-skied month September
Beneath a sapling plum tree, quietly
I held her there, my quiet, wan beloved one
Within my arms just like a lovely dream.
And over us in the fair sky of the summer
There was a cloud on which I gazed for long
It was so very white and so immensely lofty
And when I looked up, it was gone.
Since that day so many, many months
Have floated down and floated past.
The plum trees probably were felled
And if you ask me what's become of love
I'll answer you: I cannot recall
And yet it's certain I do know what you mean.
But, truly, I no longer can recall her face
I just recall: I kissed it then.
And that kiss too I would have long ago forgotten
Had not the cloud been present there
That I recall and always will recall it
It was so white and came from high above.
Perhaps those plum trees still bear blossoms
And that woman now may have her seventh child
That cloud, however, blossomed just for minutes
And when I gazed up, faded in the wind.